Einleitung
Pfingstmontag, 04.06.2001
Ein nasser Tag. Draussen hat es seit heute Mittag Bindfäden geregnet. Ich habe versucht, an meinem Fortsetzungsroman “Der Untergang des Hauses Uscher” zu schreiben, einer Ost/West-Trash-Soap um ein fettes 14jähriges Mädchen, das sich autodidaktisch zur Voodoopriesterin ausbildet, um ihrer Familie das Leben zur Hölle zu machen. Aber irgendwie war ich heute blockiert, voller Selbstzweifel und ohne Biss.
Habe dann für BABY und mich Spaghetti mit Pilzen und Ahornsirup gekocht, es schmeckte irgendwie obskur, aber BABY, tapfer wie sie ist, ließ sich nichts anmerken. Vielleicht hatte sie aber auch nur Hunger.
Gestern rief mein Vater an, um mir mitzuteilen, dass meine Oma stirbt. Sie ist 97 und seit 10 Jahren bettlägerig. Sie hat in all den Jahren nicht zu sehr gelitten, sie war einfach gehunfähig und gebrechlich. Seit ein paar Wochen ist sie verwirrt, sie erkennt Leute nicht mehr und sagt, dass sie schon tot sei. Sie muss viel trinken, aber sie weigert sich, weil sie nicht einsieht, warum sie noch trinken soll, wo sie doch schon tot ist. Meine Schwester und ich wollen hinfahren, um uns von ihr zu verabschieden. Vor ein paar Monaten hat sie mir noch ein Gedicht rezitiert, das sie mit ihrer Schulklasse skandiert hat:
“Der Kaiser ist ein lieber Mann
er wohnt dort in Berlin
und wär das nicht so weit von hier
dann gingen wir heut’ noch hin!”
Meine Oma hat fast das ganze 20. Jahrhundert durchmessen, und obwohl diese Einteilung willkürlich ist, scheint es doch so, als sei dieses ein besonders rasantes gewesen. Aber wer weiß?
Sonntag, 10.06.2001
In HOMETOWN herrscht hektische Bauaktivität, aber in erster Linie bei öffentlichen Gebäuden. Neues Rathaus, neuer Busbahnhof, Unterführungen, Umgehungen, Tiefgaragen. HOMETOWN macht sich fit, rückt aber noch nicht so richtig mit der Antwort auf die spannende Frage heraus: Wofür? Es gibt so viele Seltsamkeiten. Die Fußgängerzone ist gespickt mit glänzenden Parfümerien, eine neben der anderen, die Reihe höchstens unterbrochen von einem Schuhgeschäft. Das müsste eigentlich bedeuten, daß die Bewohner in Duftwolken gehüllt vorbei eilen, aber ich habe nichts dergleichen festgestellt.
HOMETOWN macht einen seltsam fremden, sehr weit entrückten Eindruck auf mich, ein Ort ferner Erinnerung.
Ich liebe Züge (wenn sie nicht überfüllt sind). Die vorbeifliegende Landschaft, from station to station. Fernzüge haben noch etwas Besonderes: das Geschlossene der reisenden Gesellschaft, die endlosen Gänge, die Schlafwagen, die mehrtägige Reise. Ein tolles Szenario für Thriller, wofür es ja auch viele Beispiele gibt. Super war einer mit Gene Hackman, der, glaube ich „Narrow Margin“ hieß und in einem Zug quer durch Kanada spielte.
Dienstag, 12.06.2001
Heute morgen war der Himmel über Hamburg wolkenlos blau und aus geradezu ruchlosem Optimismus ging ich in Hemingway-Shorts und Sommerhemd in die FIRMA. Eine schwere Fehlkalkulation, denn gegen Mittag hingen die Wolken schon wieder knietief und es waren 13 Grad. Ich fror wie ein Schneider und verfluchte dieses bescheuerte Hamburg-Wetter. Welch ein Unterschied zu Berlin, das manchmal kontinental und unbeweglich in Hitzewellen steht, die jeder Beschreibung spotten. Der letzte wirklich heiße Sommer in Hamburg muß der von 1991 gewesen sein, als wir hier “Wer Böses denkt, soll endlich schweigen” aufnahmen. Wir wohnten im “Hotel Monopol” und während dieser 8 Wochen wurden auf dem Kiez bei verschiedenen Anlässen vier Leute erschossen. Die Hitze hatte den Jugos die Birne komplett weich gekocht.
Am Sonntagabend waren wir mit BABYS Vater, seiner neuen Frau und BABYS Bruder essen. Ihr Vater ist ein verschmitzter Bulle, der jetzt pensioniert wird. Er hat einen ziemlich trockenen Humor und auch einen guten Schuss Selbstironie und wir kamen ganz gut klar. Vorher hatten BABY und ich versucht, “The Big Lebowski” anzuschauen, aber dann kam ein Haufen unsinniger Anrufe und wir kamen nur bis zur ersten Bowling-Szene.
Ein Freund aus Berlin ist in ernsthafte Schwierigkeiten geraten, ein Typ, der fast wie “The Dude” war. Der Junge hat Geschäfte gemacht und war dabei ein Träumer und Weltverdränger reinsten Wassers, ein großkotziger Robin Hood in Shorts und Badelatschen. Ein guterTyp, dem ich aus verschiedenen Gründen Dank schulde. Jetzt sitzt er im Urban-Krankenhaus auf der Entgiftungsstation vor dem Fernseher, zeitweilig ruiniert von Mr. Brownstone, seinem Größenwahn und einer Frau. Das kommt mir irgendwie bekannt vor.
Er wird wiederkommen, aber ein paar Dinge muß er jetzt mit sich selbst ausmachen, face to face. Dabei fällt mir die Szene ein, als ich in Aachen gebustet und vor Entzug kotzend auf der Zellenpritsche lag. Ich bekam einen Eimer samt Aufnehmer zum Aufwischen.
Sonntag, 17.06.2001
Am Freitagabend war ich wieder auf der Suche nach dem Guten, Wahren und Schönen. Es gab ein Essen bei SCHWESTER und ein alter Feund aus dem Sauerland war da, Georgie, fanatischer Drucker und mittelständischer Unternehmer. Es war schön, zu sehen, daß der alte Spirit sich nicht verflüchtigt hat, wir waren schnell bei den wichtigen Dingen angelangt und sprachen über Soul und Lyrik (in welcher Form auch immer) als der einzig heilsamen Medizin gegen die Qualen der Zivilisation - abgesehen vom Rotwein und dem psychoaktiven Gemüse, so daß wir bald gemeinsam um den Küchentisch flogen. Jenes Zivilisationsdrama besteht doch darin, als Spezies im Zuge der Evolution ein ständig sich selbst reflektierendes Bewußtsein ausgebildet zu haben, das uns eine Art Trennungsschmerz beschert, das Abgenabelt-Sein von der Unmittelbarkeit des reinen Willens, wie ihn die Tiere verkörpern.
Der Abend endete dann in der Havanna Bar mit einigen Caipirinhas und so war gestern ein Tag, der eher langsam begann, mit der Lektüre der „Welt“ und großzügigen Gedanken. Ich sah eine Weile rauchend aus dem Fenster, um dann durch die Warenschächte des Supermarkts mitzuschwimmen, in einer Atmosphäre zwischen Aggressivität und Geilheit. Die knisternden Röcke der Frauen und die schön designte Welt der Markenprodukte - sexy.
Mir scheint, daß ich ewig keinen tollen Roman mehr gelesen habe, immer bloß historische Sachen wie die Hitler-Biografie von Kershaw. Auch nicht schlecht war „Der weiße Kontinent“ über die Entdeckung der Antarktis. Hollow empfiehlt T.C. Boyle. Könnte ich mal wieder versuchen, „Wassermusik“ war wirklich geil, aber danach fand ich es auch oft länglich. Auch neue Musik geht mir ab, die neue „Depeche Mode“ ist wie immer ganz schön, wenn auch nicht unbedingt elektrisierend. Vielleicht sollte ich mich mal an Doktor’s Playlist orientieren, der hört doch immer nette Sachen in seinem Office.Und im Kino sollte ich mir wenigstens „BlackBox BRD“ ansehen.
Heute ist der 17. Juni, früher mal „Tag der deutschen Einheit“ und Gedenken an den Ostberliner Aufstand im Spätstalinismus. Ich las in dem Buch „Gesicht des 20. Jahrhunderts“ von Hans-Peter Schwarz über die „großen Monster“ der jüngeren Geschichte. In der Linken galt Lenin im Vergleich zu Stalin ja lange als netter Onkel. Und er konnte ja auch wirklich rührend sein: „Manchmal möchte ich den Menschen über die Köpfe streicheln, aber die Zeiten sind nicht so. Man muß sie einschlagen, erbarmungslos einschlagen.“ Ich erinnere mich, das ich Lenin als 15jähriger in Heldenpose gezeichnet habe. Die 70er waren schon seltsam, naiv und elitär zugleich.
Das Buch ist auf jeden Fall lesenswert. Schwarz’ Einschätzung der großen politischen Persönlichkeiten des Jahrhunderts ist interessant: Besonders inspirierend finde ich seine Interpretation des „Charakters“ der großen Führungsfiguren der Krieg- und Krisenzeiten. Im hinteren Teil ordnet er Reagan und Thatcher unter die „Radikalreformer“ ein, das ist irgendwie originell, auch nicht wirklich zu bestreiten, da beide radikale, schwer durchsetzbare Schnitte gemacht haben, die die innere Lähmung ihrer Länder gelöst haben. Allerdings sind die Spätfolgen z.B. des Thatcherismus in Gestalt der Agonie der sozialen Dienste auf der einen und des neureichen Zynismus auf der anderen Seite äußerst unappetitlich. Kennedy ist bei Schwarz ein ziemlicher Poser, auch das hat Einiges für sich, allerdings war sein historischer, erfolgreich bestandener Showdown mit Chruschtschow wegen Kuba auch nicht gerade eine Kaffeefahrt.
Tata!! Kinskis Gedichte sind aufgetaucht. Damals war er noch blutjung, aber wie man sieht, schon genauso wahnsinnig. Kraftvoll, absolut. Dieser Typ hat mich schon immer fasziniert. Meine Exfrau, die Fotografin, hatte mal eine Portraitsession mit ihm gehabt, sie mußte mir alles im Detail erzählen. Sie hat behauptet, das da nichts vorgefallen sei, aber ein paar Jahre später las ich in seiner Autobiografie diese Gechichte in einer ziemlich saftigen Version. Ich war irritiert und amüsiert zugleich. Der Mann hat ja immer gern dick aufgetragen, aber wer weiß? Jedenfalls hat mich dieser Maniac letztes Jahr zu einem kleinen Couplet inspiriert, das ich an dieser Stelle mal zum Besten geben will:
klaus kinski ißt ein brot © havaii 2000
er verlangt ein sandwich
man bingt es ihm eilig
denn alle wissen
dies ist ihm heilig
im blick nackter wahnsinn
er krallt seine beute
mit zitternden lippen
klaus kinski ißt ein brot
die menschen sie starren
wie gelähmt auf die szene
blutiges roastbeef
tropft von seinen zähnen
der leibhaftige satan
macht hier seine brotzeit
das brot und klaus kinski
eine schaurige hochzeit
er reisst sie in stücke
die arglose schnitte
er malmt und er speichelt
was kümmern ihn dritte?
der rasende lutscht schon
an den letzten krumen
da fällt sein blick
auf die ausstattungsblumen
ein geheul des triumphes
entringt sich dem munde
er wirft sich nach vorn
in die weichende runde
nichts kann ihn stoppen
der tobende schreit:
ich fresse die blumen!
Ihr arschlöcher! weicht!
er frisst die blumen
und auch noch die vase
doch das ist nur ein vorspiel
zur wahren extase
das objekt der begierde
wer kann es verhindern?
ist der hintern der drallen
regieassistentin
er schultert das weib
seine wimmernde beute
flucht auf französisch
und sucht mit ihr das weite
die zurückgebliebenen
sehen sich schweigend an
wohl dem, der dem dämon
diesmal entrann
Sonntag, 01.07.2001
HOT IN THE CITY – jetzt ist es doch brüllend heiß in Eimsbush und Barmbek, oft drückend schwül. Zwischendurch krachen Gewitterfronten aufeinander und es schüttet wie aus Kübeln. Wir sind nachts auf die leergefegten Strassen raus und haben uns nass regnen lassen wie zwei Katzen. Auch heute ist es schwül in der Wohnung, aber durch das weit geöffnete Fenster sehe ich, dass in den grossen Bäumen gegenüber Wind aufkommt. Einen Block weiter hupt eine Auto-Alarmanlage. Ich spüre, wie die Dinge in Bewegung kommen...
BLACKBOX BRD war ein Erlebnis, ein hypnotischer, genial montierter Film. Es geht um zwei komplett unterschiedliche Biografien, die auf tödliche Weise miteinander verstrickt sind: RAF-Kämpfer Wolfgang Grams und Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen: der eine ein Kind der linken WGs mit moralischem Absolutheitsanspruch, der andere ein maßlos ehrgeiziger Aufsteiger mit einem späten Bekehrungs-Erlebnis. Die einfachen Eltern von Grams in ihrer Traurigkeit und dem gegenüber Herrhausens Witwe, elegant und genauso traurig. Dazwischen immer wieder der Konvoi aus drei gepanzerten Benz-Limousinen, aus dessen Mitte Herrhausens Wagen per Lichtschranke präzise herausgebombt worden ist.
Die Interviews mit Familien und Freunden sind sehr erhellend, sie liefern den Schlüssel zu den tieferen Schichten von Menschen, die man bisher mehr als halbreale Symbolfiguren zweier bis auf den Tod verfeindeter Lager wahrgenommen hat.
INSEKTEN tanzen vor dem Fenster, die eigentlichen Herren des Planeten, jedenfalls in der sichtbaren Dimension. Aber auch Parasiten sind beeindruckend. So las ich über einen Wurm, der im Laufe seines Lebens mehrmals sein Wirtstier wechselt und zunächst Elche befällt. Um auf seinen nächsten Wirt, den Wolf überwechseln zu können, veranlasst er den Stoffwechsel des Elches ein Geruchssekret zu produzieren, das Wölfe auf besonders weite Entfernung wittern können.
Sonntag, 08.07.2001
HITZE und Gewitter. Wir waren wieder draußen, saßen unter dem dichten Blätterdach eines großen Baumes “am Weiher”, während hinter den schwarzen Silhouetten der Bäume die Blitze zuckten. Die dumpfen Explosionen des Donners waren bis in die Magengrube zu spüren. Dann begann der Regen, rauschend und stetig brachte er die Wasseroberfläche des Teiches zum Kochen und wir schwiegen und fühlten uns gut. Auf der gegenüberliegenden Seite, im schwarzen Schatten eines Hauses, glomm eine Zigarette.
Später saßen wir bei offenem Fenster in der Küche, tranken Wein und hörten Pink Floyd und Massive Attack. Meine Gedanken wanderten zurück in meine Kindheit, die Welt der Bilderbücher und Butterbrote, der ersten Momente entrückten Glücks. Das Buch mit den Füchsen, das leicht gesalzene Butterbrot, die Katze, die über die Wiese schnürt, die hinter dem Gartenzaun beginnt. Ein paar Sommerwolken und leises Besteckgeklapper aus der Küche. Jetzt sehe ich den Schmetterling über der Wiese und wie die Katze das dicht über den Halmen tanzende Ding mit zuckendem Schwanz fixiert. Bevor sie springt, hat sich der irrlichternde weiße Fleck in die Höhe erhoben und ist aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich blinzle in die Sonne, aber ich kann ihn nicht mehr sehen. In der Ferne singt eine Kreissäge und die Katze schnürt weiter durch das trockene Gras in Richtung Bahndamm.
TRIUMPH und Desaster - erst wenn man beide mit derselben Gleichmut hinnimmt, hat man Größe. Das hat Rudyard Kipling sinngemäß so gesagt - an beiden Dingen hat es in meinem Leben nicht gefehlt, das mit der Gleichmut lerne ich noch - diesen Satz fand ich auf den ersten Seiten des Buchs “Verbrannte Tage” von James Salter. Ein Buch, das sehr gut anfängt und die richtigen Schwingungen hat. Ich habe es im Regal des Buchladens gesehen und gekauft, weil mir der Titel und der Umschlag so gut gefielen.
Sonntag, 15.07.2001
VOR ein paar Tagen kam JAH in mein Office, um zu hören, was ich zum Tod von Herman Brood denke. Ich hatte überhaupt noch nichts davon gehört und war erst mal sprachlos. Herman ist in Amsterdam aus einem Hotelfenster gesprungen und hat einen Brief hinterlassen, in dem steht, dass er einfach keine Lust mehr habe. Er muss Anfang oder Mitte Fünfzig gewesen sein und er war nach wie vor viel live unterwegs, tauchte um die Weihnachtszeit regelmäßig in Deutschland auf, um ein paar Gigs zu spielen. Es ist ewig her, daß ich ihn live gesehen habe, das letzte Mal muß so 1983 gewesen sein, als er in Hagen gastiert hat. Ich habe Herrman immer sehr geschätzt, seine Art von Rock ‘n’ Roll war pur und gelebt. Ende der Siebziger hatte er eine heftige, aber kurze Blütezeit, danach machte er auf kleinerem Level weiter, ohne dass ihn das allzusehr zu berühren schien. Er begann auch zu malen. Mehr als die Hälfte seines Lebens war er ein Junkie und Trinker, zäh und auf wächserne Art konserviert, mit seinem hageren Gesicht und seinem sinnlichen Grinsen das lebendige Klischee eines Rock ‘n’ Rollers. Seine Musik hatte etwas Messerscharfes und Nervöses, immer kurz vor dem Sprung. Ich dachte , er würde ewig leben. Damals in Hagen zogen wir nach dem Konzert zusammen los, dabei waren zwei seiner wie immer sehr attraktiven Background-Sängerinnen, die allerdings im Laufe der Nacht irgendwie verlorengingen. Wir besuchten MAUSI, die in unserem damaligen Büro ein Zimmer bewohnte und dort eine Art Frisiersalon betrieb. Sie schnitt Herman die Haare, während er ein Gedicht schrieb, in dem er seine eigene Kunstsprache auf „Extrabreitsz“ anwandte und das ich heute noch besitze. Nachdem wir dann durch verschiedene Läden gezogen waren (das war damals in HOMETOWN tatsächlich noch möglich), machten wir, während es draußen hell wurde, im Passbildautomaten in der Bahnhofshalle gemeinsam Fotos: Die Köpfe eng beieinander, mit zu Berge stehenden Haaren und weit aufgerissenen Augen, zwei zeitweilige Brüder im Wahnsinn.
Als JAH ein paar Tage später die Bilder sah, zeichnete er danach mit Wachsmalstiften ein Porträt von mir, mit verwischten Gesichtszügen, aus denen helle Augen wie Halogenscheinwerfer hervorstachen und Haaren, aus denen grünliche Flammen züngelten. Ein interessantes Bild, das, wie die Passbilder, leider verloren gegangen ist.
Dass Herman wie Chet Baker, der ebenfalls ein Junkie war, bei einem Sturz aus einem Amsterdamer Hotelfenster ums Leben kam, ist schon eine seltsame Parallele und vielleicht sogar gewollt. Er war, natürlich, ein äußerst sensibler Junge, einer, der nie erwachsen wird und auf einem Seil über dem Abgrund turnt, getrieben von unstillbarer Sehnsucht nach Höhe und Geschwindigkeit. So long, Herman!
DIE Tauben im Hof sitzen auf den schrägen Dächern, als warteten sie auf ihre Chance. Die Rabenattrappen, die seit einiger Zeit in Massen auf den Balkongeländern auftauchen, sind längst als Pappkameraden erkannt, das Flattern und Gurren und Scheißen geht unvermindert weiter. Seit „Die Vögel“ habe ich wirklich eine leichte Phobie, zumindest wurde sie dadurch verstärkt. Als ich neulich auf dem Parkplatz in Barmbek eine Zigarette rauchte, nahm ich plötzlich direkt neben mir einen echten Raben wahr, der nur etwa 2 Meter von mir entfernt auf einem Fahrradlenker saß. Ich erschrak heftig und machte gleich ein paar Schritte zurück. Dann ging ich in einem großen Bogen um den Vogel herum, der mich mit weit geöffnetem Schnabel und sich ruckartig drehendem Kopf beobachtete. Ich konnte seinen roten Schlund sehen und die Härchen auf meinen Armen richteten sich auf.
Sonntag, 05.08.2001
DAS freitägliche Absinth -Trinken mit Hollow und dem Doktor war ein voller Erfolg. Man hatte mir versprochen, dass ich mich wie ein Möbelstück fühlen würde und in heller Vorfreude hatte ich mich schon gefragt, ob mir der Aggregatzustand eines Fernsehsessels oder der einer schweren Eichenschrankwand mehr zusagen würde. Tatsächlich schien ich mit dem Sofa, auf dem ich saß, zu verwachsen - in einem etwas abgehobenen, leicht klebrigen Zustand führten wir eine Art Kamingespräch über den Zustand der Welt - allerdings ohne Kamin. Genua erschien uns als Fanal - das die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit auf eine Bewegung lenkt, die ganz grundsätzliche Fragen zum Sinn jenes Hamsterrads aufwirft, das in seiner unerbittlichen Logik alles auf seine Verwertbarkeit reduziert. Zwischendurch legte Hollow mit langsamen Bewegungen Vinyl-Platten auf und es schien uns absolut plausibel, dass gewisse Gemälde in solchen Turns entstanden sind - in einem weltabgewandt-kreativen Grundrauschen. Die begleitende Wirkung des Alkohols war natürlich spürbar, allerdings auch nicht zu verwechseln mit der Wirkung dieses speziellen Stoffs. Später stemmten wir uns aus den Sesseln hoch, um noch eine Runde zu drehen. Auf imaginären, leicht schlingernden Hover-Boards bewegten wir uns durch einige Läden. In einem saßen die Leute in schweren Wohnzimmergarnituren aus den 70ern und 80ern. Der an einen leicht angeschlagenen Sektenprediger erinnernde rastagelockte DJ stand steif auf seiner stark erhöhten Empore und winkte zu den massiven Bassriffs mit der hoch erhobenen Hand. Es gab einige sehr gut aussehende Frauen dort und ich stellte fest, dass Absinth nicht nur kontemplativ, sondern irgendwie auch geil macht und eilte heim zu BABY.
DAS nervtötende Gezerre um die TV-Rechte für unseren heiligen Fussball und die demonstrative Müdigkeit der neuen RAN-Sendung legen nur einen Schluss nahe: Die demoralisierten Fussballfans sollen in Scharen Premiere zugetrieben werden, ein roher Kraftakt, der von den Managern der Klubs unterstützt wird - O tempora! O mores!
Sonntag, 12.08.2001
GELD schiesst doch Tore – eine WamS-Headline zum Traumstart des BVB - es scheint mir aber auch, dass der Verein diesmal eine wirklich glückliche Hand gehabt hat und das war ja nun nicht immer der Fall. Schon letzte Saison zeichnete sich ab, was Rosicky alles kann: Diese plötzlichen tiefen Pässe per Scherenschlag oder aus dem Fussgelenk – präzise abgefeuerte Billardkugeln, die in souveräner Kenntnis der Laufwege und der Geschwindigkeit ihren Adressaten erreichen – sich sozusagen punktgenau in seine Schrittsequenz einklinken. Die Viererkette steht im Regen - jeder Blinde sieht: nie und nimmer Abseits – die Körpertäuschung von Amoroso – drin. Die Tschechen waren immer gut beim „in die Gasse spielen“ und Rosicky setzt allen die Krone auf – ein strahlender Beweis für die Behauptung, dass es am Ende nicht hochgezüchtete Renner und Treter sind, sondern kreative, gewitzte Typen, die Spiele entscheiden.
Ich hatte immer schon ein Faible für die Tschechen – besonders für ihre Kinderfilme – später lernte ich, dass sie auch als Waffenhersteller Weltruf geniessen – eine selten krude Mischung...
Aber auch die Anderen leisten Grosses. Reuter ist schnell wie der Wind – sein dritter Frühling - Jürgen Kohler hat wieder die Ausstrahlung eines kugelfesten deutschen Panzerkommandanten, Lars Ricken, der Dortmund verkörpert, blüht auf in der Gesellschaft der offensiven Virtuosen – der BVB beginnt die Serie mit brillantem Fussball – es kann eine grosse Saison werden...
Sonntag, 19.08.2001
ICH träumte, ich sei mit Zigeunern unterwegs. Einer von ihnen hatte im Straßengewühl versucht, meine Brieftasche zu stehlen, was ich bemerkt hatte. Ich stellte ihn zur Rede und er gab sie mir mit breitem Grinsen und einer kaum verständlichen Bemerkung in der Art von “Versuchen kann man’s ja mal” zurück. Aus irgendeinem Grunde schloss ich mich ihnen an und wir fuhren in einer großen Limousine über Land...
DIE Zeit rast und die äußeren Ereignisse überspülen oft die Klippen der Selbstreflexion. Wie in einem Zug, dessen Fenster verblendet sind, reise ich durch den Projekttunnel, absorbiert vom Katakombensystem des dunklen, mysteriös-kindischen Humors – UND MEIN KOPF FLIEGT VORAN UND MEIN HERZ TUT,WAS ES KANN – die Fliehkräfte sind erheblich und manchmal träume ich von den Stränden von Bohemia.
NACHMITTAGSLÄRM von der Straße – ein kühlender Luftzug geht durch den Raum – die leichte Depression, die mich befallen hatte, wandelt sich träge in Gedankenenergie. Die Nerven sirren nur noch leise, aber in der Ferne steht die Frage: QUO VADIS?
Ich muss an einige Typen denken, die ich kannte: an “Freddie, den Vollstrecker”, “Schwester Hildegard”, den “Sekretär”, “Joe Galushi” – all these beautiful losers, entweder von eigener Hand oder durch Krankheit hinweggerafft – ihre Energie kreuzte meine – mein Film geht noch weiter und irgendwann im letzten Jahr in Berlin schrieb ich:
In einem dunklen Wald
Musst du laut singen
Sonst singt der Wald sein Lied mit dir
Sing! – sonst wird er dich verschlingen
Die Melodie ist tief in dir
Sonntag, 02.09.2001
SCHON den ganzen Tag regnet es Bindfäden und alle sagen, der Sommer sei jetzt vorbei. Das sagen die Leute gern, mit so einer Art Lust am Untergang und an pessimistischen Prognosen. Ich lasse die Frage für mich offen, eine Regenwoche macht noch keinen Herbst und außerdem war der Sommer besser als ich noch Anfang Juni dachte.
Allerdings passt solcherlei Melancholie zur allgemeinen Stimmung. Die Wirtschaft dümpelt in der Flaute, weil von jenseits des Atlantik keine Brise mehr weht, die “New Economy” entlässt ihre bunthaarigen und riskant rasierten Kinder und der Kanzler an der Leadgitarre zeigt “Old Slowhand” Clapton, was eine Harke ist. Auch die Vergnügungsbranche ist überhaupt nicht lustig – die Werbeinvestitionen gehen zurück, was zu noch mehr Stagnation im TV führt und das Röcheln der Musikindustrie hört man schon kaum noch, so schwach sind die Geräusche. Zu all dem dann auch noch das niederschmetternde 1:5 gestern gegen England – DEUTSCHLAND im Regen.
SCHÖN war allerdings F.X.Kroetz‘ Trash-Szenario zum 4.Todestag der “Königin der Herzen” gestern in der WELT. Die Frage, was wohl weiter passiert wäre, wenn es eben nicht zu jenem Tunnelaufprall gekommen wäre, beantwortet der Gute mit einem schön irrwitzigen Plot. Neben Dodi und seinem einbürgerungsgeilen Vater spielen auch Charles und Rottweiler Camilla (“Hat die Stute mal wieder ein Fick-In veranstaltet?”) tragende Rollen. Am Ende bläst ein Geheimdienstmann Dodi und Di, die sich mit einem Schokoriegel in die Dusche geflüchtet hat, mit einer Handgranate das Licht aus, um die ganze Sauerei dann der IRA in die Schuhe zu schieben. Diese reizende kleine Geschichte versüßte mir meinen Samstagnachmittag und bestärkte mich noch mal in meinem Vorhaben, endlich an meinem Roman “Der Untergang des Hauses Uscher” weiter zu schreiben – leider komme ich nur sporadisch dazu.
SO verplätschert das Wochenende. BABY löst Kreuzworträtsel, was sie sonst nie tut und später sehen wir uns “Planet der Affen” an. Die BamS hat das gestrige Fussball-Desaster erwartungsgemäß nicht verkraftet, im Kiosk um die Ecke haben offensichtlich die Besitzer gewechselt , die Tauben im Hof gurren und flattern und verlieren Federn. Irgendwo in mittleren Westen der USA scheißt gerade ein Gürteltier in einen alten Hut, der früher mal dem Sheriff von Corpus Christi gehört hat. Wie der wohl dahin kommt?
Sonntag, 09.09.2001
HERBST, jetzt doch. In den Opiumhöhlen rund um die Nordhalbkugel gehen die Pfeifchen an, in Wien prüft man die Belastbarkeit der Fensterkreuze und die von Fidel Castro trainierten und auf die amerikanischen Küsten angesetzten Haie fordern einen schrecklichen Blutzoll unter den dicken US-Kids. Da holt man seine Tim und Struppi-Hefte wieder heraus, setzt sich unter die alte Stehlampe, die dieses warme, gelbe Licht verströmt und fühlt sich richtig gemütlich. Dazu läuft BRAN VAN 3000:
I am your state of mind
so why can’t you be
exactly like me
KULTURELL gesehen war das Wochenende durchwachsen: der BVB abgezockt von Bayern, der völlig mutierte Michael Jackson startet einen Relaunch (warum, um alles in der Welt, hat ihn Spielberg nicht in seinem Roboter-Melodram besetzt?), Lauterbach schwört der Rumfickerei ab und heiratet eine leicht unterbissige Brünette.
Ich blieb den ganzen Tag im Bett, weil BABY in Köln weilte, las eine Magda-Goebbels-Biografie und aß abends zwei Pizzen hintereinander, bevor ich mir im Sportstudio das tief frustrierende 0:2 noch mal ansah. Um 16.46 h hatte ich bereits eine höhnische SMS von DROESE, dem notorischen Bayern-Knecht erhalten. Ich war noch völlig ahnungslos und deshalb doppelt wütend.
Überhaupt DROESE: Vor 2 Wochen war ich mit ihm bei Green Day in der “Freiheit” Mit untrüglichem Killerinstinkt schoss er mich mit Wodka und Bier dermaßen ab, dass ich mit einem kaputten Handy und einem Kater endete, an dem ich 2 Tage zu knacken hatte. Jetzt liegt er, einem kapitalen Grönlandwal ähnlich, irgendwo in Spanien am Strand und denkt sich SMSen aus, in denen er sich als “Tagessieger Green Day” feiert.
GROSSE Freude über die Badefotos des Verteidigungsministers. In der nächsten Serie wird man sicher sehen, wie der liebesdulle Rudolf seiner Gräfin nach einem arbeitsreichen Tag an der Mazedonienfront abends vor dem Fernseher kleine, selbst zubereitete Schnittchen in den Mund schiebt, was diese zwischen zwei Happen mit einem Kuss auf seine Nase returniert. Oder vielleicht beim gemeinsamen Fußnägelschneiden?
Der turtelnde Dämlack ist wirklich TRASH und passt prima in die Badelandschaft des seichten Politainments, in der sich die Politikerdarsteller immer lieber tummeln. Man planscht in den Nichtschwimmerbecken der PremierTalkshows und pfeift beflissen die gerade populären Gassenhauer mit – die Mittelmäßigkeit dieser dümmlich-schlauen Figuren ist unglaublich.
SCHÖNE Aussicht an der Elbe – wir lagen unter einem Baum und betrachteten träge blinzelnd die vorüberziehenden Schiffe. Wir teilten einen Apfel und aßen Kokoszwieback. Es roch nach sattestem Sommer und ein wenig nach einem fernen Feuer. BABYS Waden waren in rötliches Gold getaucht. Wir lasen und rauchten und dösten in der hitzedurchtränkten Luft.
Sonntag, 30.09.2001
EIN SCHWARZER SEPTEMBER geht zu Ende, Tage der Verstörtheit und des Nebels, des Propagandageschreis und der gemischten Gefühle, der Nachdenklichkeit und der schlimmen Ahnungen. Der BIG BANG von New York hat kurzfristig eingemottete Ängste geweckt, plötzlich ist nicht mehr vom “Ende der Geschichte”,die Rede, sondern vom Krieg. Der moderne Terrorismus ist seit den Siebzigern zu einem scharf kalkulierenden und furchterregenden Krieger herangewachsen, dessen Gnadenlosigkeit gegen sich und andere die Scharmützel von damals beinahe wie Sandkastenspiele erscheinen lässt.
Ein “Feldzug gegen den Terror” hat begonnen, die Führungsmacht der Welt fordert ultimativ Gefolgschaft und die deutsche Regierung, die natürlich keine andere Wahl hat, gewährt sie “bedingungslos”. BILD suhlt sich wochenlang in Blut und Trümmern und überschüttet Amerika mit peinlichen Liebeserklärungen (...”weil James Dean in einem Porsche starb”), andere weisen darauf hin, dass “so was von so was kommt” und meinen die doppelzüngige Hegemonialpolitik der USA im nahen und mittleren Osten. Die Russen mit ihrem Tschetschenien-Problem, die Israelis, die den unvermeidlichen Rückzug aus den besetzten Gebieten nicht zulassen wollen und die Chinesen, die ebenfalls genug auf dem Kerbholz haben, um selbst terroristische Angriffe zu fürchten, stimmen, zusammen mit kleineren Gangstern, aus voller Brust ein in den Chor der “zivilisierten Welt”, der den Anti-Terror-Song schmettert.
Ein Blick auf dieses Panorama zeigt schon, dass es den “Terror” als solchen nur als Science-Fiction-Vision gibt und dass der reale immer handfeste politische Hintergründe und Ursachen hat. Und auch, wenn es den Amerikanern unter größten Anstrengungen gelingt, bin Laden zu erwischen und die “Al Q’aida” zu zerschlagen, ohne eine Kettenreaktion zu verursachen, die die ganze Region hoch gehen lässt, ist noch keins der Probleme gelöst, die immer neue Heere von solchen “Gotteskriegern” erstehen lassen.
NEFFE macht wirklich Freude. Er interessiert sich fürs Trommeln und wir haben neulich auf dem Küchentisch rumgegrooved. JAHRGANG 2000 - in was für fernen Welten mag er noch aufwachen?
Das Verhältnis Onkel/Neffe hat etwas Besonderes. Es ist unverbindlicher als das zwischen Vater und Sohn, dennoch von einer gewissen genetischen Bedeutung, was ja manchmal zu den interessantesten Verwicklungen führt. Für einen gewissen Schauplatz der Weltliteratur ist dieser Verwandtschaftsgrad von ganz exklusiver Bedeutung: ENTENHAUSEN.
DIE ÜBERSCHALLJÄGER DER FREIHEIT sind vollgetankt – “die Zeit läuft ab...”
Die Gedankenpolizei hat Wickert am Wickel und die allgemeine Stimmung schwankt zwischen “back to normal” und angespannter Erwartung.
Die WM-Qualifikation war das Thema des Wochenendes. Die GRÜNEN sind auf der letzten Etappe ihres Marsches in die Überflüssigkeit.
Sonntag, 28.10.2001
WINTERZEIT. Irgendwie ist die geschenkte Stunde bei mir nicht so richtig angeschlagen – ich könnte schlafen bis zum Frühjahr. Ich träume von BALI.
Das Surren der Klimaanlage, Insekten fast so groß wie Modellflugzeuge, in den verwegendsten und schillerndsten Farben. Das unwirkliche Grün der Vegetation, der schwebende Klang der Glöckchen, das Knattern der Mopeds. Am Strand spielen die Jungs einen technisch guten Fußball und in der Aussie-Surfer-Bar gleich hinter der Promenade finden sich die Liebhaber der einheimischen Pilze ein, um sich die Dosis zu verabreichen, die den ohnehin schon unglaublichen Sonnenuntergang in ein kosmisches Kopfkino verwandelt.
DIE USA wundern sich über den Widerstand der Taliban. Dieser sei hartnäckiger als erwartet. Damit konnte nun wirklich niemand rechnen, man kannte die Afghanen ja bis jetzt nur als Weicheier. Und jetzt das, wo doch schon alles weggebombt ist. Wirklich komische Leute.
ZU WENIG BEWEGUNG verursacht mir Rückenprobleme. Manchmal habe ich morgens das Gefühl, ich würde in der Mitte durch brechen. Das ist unerfreulich und führt zu guten Vorsätzen.
AM FREITAG war in Deutschland Milzbrandalarm. Komische Pakete lagen im Wald herum und in einer thüringischen Kleinstadt tauchte ein Pulver-Brief mit dem Absender “Achmed, Islamabad” auf. Nach ersten positiven Anthrax-Tests (wer die bloß gemacht hat?) drehten die Medien durch und brachen in lautes Geschrei aus. Am späten Abend war dann klar, dass es doch nicht Milzbrand war und in weiser Voraussicht hatte Harald Schmidt bei der Aufzeichnung seiner Show bereits festgestellt: “Die Leute wissen überhaupt nicht, wie viel Angst sie haben. Lesen die denn keine Zeitung?”
Sonntag, 25.11.2001
WÄHREND sich draussen Autoscheinwerfer auf dem nassen Asphalt spiegeln, haben WIR uns ins Innere zurück gezogen, zusammen mit einem Topf Suppe. Der Herbst mit seinen zähen, dunklen Sonntagen, Tage der trägen Sünden und des subtilen Verfalls. Der Herbst ist die Zeit des Verrats, der verbotenen Gedanken, die im besten Falle nie zu Taten schrumpfen. Ein Lachen im Treppenhaus, ein verstohlener Blick, Silhouetten hinter gelb erleuchteten Fenstern.
Sonntag, 08.12.2001
Mittwoch, 02.01.2002
DER ERSTE WERKTAG in EUROLAND: Menschenschlangen vor den Bankschaltern, zum Teil bis auf die Strasse, wo die Leute in der Kälte von einem Bein aufs andere treten und dampfende Atemluft ausstoßen – alle in dem absurden Wahn, jetzt sofort ihre restlichen Deutschmarks umtauschen zu müssen. Schröder hat gemeint, dass nun ein “Jahrhunderte alter Traum” wahr würde, gepaart mit “grenzenloser Reisefreiheit”. Das klingt wie der erste Motorflug und die Maueröffnung an einem Tag.
IM DEZEMBER war ich viel unterwegs. Die Beerdigung meiner Oma hatte den Charakter eines großen Familientheaters, bei dem die Personen aus dem Halbdunkel der Familiengeschichte hervortraten. Da war meine immer schon etwas verrückte Tante Edith. Das letzte Bild, das ich von ihr im Kopf hatte, stammt von Anfang der 80er, als sie nach einem Konzert in einem schneeweißen Kostüm und mit einem wagenradgroßen Hut auf mich zu stöckelte. Als Kind habe ich ihre Art immer sehr faszinierend gefunden, diese Schrillheit des Geschmacks. Ihre Wohnung war eine Ausstellung des erlesensten Nippes, inklusive Italienromantik. Mein Onkel malte in seiner Freizeit, vornehmlich Landschaftsszenen, und an Sonntagen ging ich manchmal mit den beiden und dem Chow Chow spazieren. Sie lachte viel, wobei der Klang ihrer Stimme schon mal die Schmerzgrenze überschritt, während sie ein Likörchen nach dem anderen zwitscherte. Ich mochte sie, in den letzten beiden Jahrzehnten war sie völlig aus meinem Gesichtskreis verschwunden und ich freute mich, sie ziemlich munter anzutreffen.
Auch der amerikanische Zweig der Familie war anwesend, inklusive meine beiden Vettern, Investmentbanker von Beruf. Vetter John, der ältere von beiden, ist besonders gerieben und mit Mitte Dreissig bereits steinreich. Der Junge ist konsequent diesseitig und oral veranlagt, er liebt deutsches Bier und Mettwurst, die er auch als Nebengang kommen lässt. Nach dem Essen fragte er mich, was ich denn vom amerikanischen Engagement in Afghanistan halte. Im Zuge der Unterhaltung bemerkte ich, dass ich mir vorstellen könnte, dass die “Allianz gegen den Terror” wohl bröckeln würde, wenn die USA sich, wie angedroht, nun die nächsten “Schurkenstaaten” vorknöpfen wollten. “Don’t take this personal,” meinte er, “but I‘m sure we can take care of the whole thing on our own.”
Samstag, 12.01.2002
AMERIKA – die Über-Macht. Ein autistischer Riese, der die Welt bewacht und ihr seinen Willen aufzwingt. Sicher, wer von uns würde auf den individuellen Spielraum, den ein politisches und ökonomisches System wie das westliche gestattet, verzichten wollen? Wir leben in vielerlei Hinsicht ein „amerikanisches“ Leben. Dennoch spüren wir in den tieferen Schichten unserer Psyche: Europa ist nicht Amerika. Es gibt zu viele Eigenheiten und Eigenschaften der amerikanischen Seele, die uns „fremdeln“ lassen. Da ist einmal die ungeheure Selbstbezogenheit, die Amerika auszeichnet. Dass eine Nation im Hinblick auf ihre psychologische Projektionsfläche sich selbst in einem Maße genug ist wie Amerika, ist in mancher Hinsicht neu und für Europäer so nicht nachvollziehbar. Zu sehr hing das Schicksal der europäischen Nationen voneinander ab, zu eng war der gemeinsame Raum, so dass selbst und gerade in Phasen des wahnhaften Nationalismus das Bewusstsein für die Existenz und die Beschaffenheit der Anderen stets hellwach war.
Die Unbekümmertheit, mit der der amerikanische Riese Geschenke und Bomben verteilt, seine irgendwie präpotente, von keinerlei Selbstzweifeln angekränkelte Sieghaftigkeit mutet uns angesichts der apokalyptischen Szenarien, die die Völker Europas sich auf dem gemeinsamen Kontinent bereiteten, ebenfalls seltsam an. Auch das „Vietnam-Trauma“ Amerikas scheint längst überwunden. Die letzten, siegreichen und mit geringen eigenen Verlusten geführten Kriege haben Vietnam eher auf den Status eines, allerdings quälend langwierigen Betriebsunfalls zurückgeschraubt, zumal der Hauptgegner in diesem Konflikt, das rote Weltreich später unterging, ein verspäteter Sieg also.
Die amerikanische Psyche verträgt, wie allerdings auch die der modernen europäischen Menschen, keine Dualität. Eine wechselseitige Bedingtheit von Gut und Böse als zwei Seiten ein und derselben Medaille als eine Tatsache des Lebens zu verstehen, fällt schwer.
Sonntag, 20.01.2002
WAS IST LOS mit bin Laden? Musharraf lässt verlauten, er sei wohl auf der Flucht an Nierenversagen gestorben, weil er die Dialysegeräte nicht mitnehmen konnte. Vor vier Wochen war es noch eine Lungenentzündung, die ihn hinweggerafft haben sollte. Und Mullah Omar? Vor zwei Wochen las man, er sei in Zentralafghanistan auf einem Motorrad auf der Flucht. Der zwar einäugige, aber dafür “zweitmeist gehasste Mann der Welt” auf der Enduro: das Gesicht schurkisch verzerrt und immer wieder nach dem Turban greifend, prescht er über die steinige Piste. Am Himmel über ihm kreisen amerikanische Aufklärungsdrohnen...
So grotesk sich manche Meldungen anhören, so verstörend sind die Bilder von der “Haltung” gefangener Taliban- und Al-Q’aida-Kämpfer durch das US-Militär auf Kuba. An Händen und Füßen gefesselt, geknebelt, geblendet, ja sogar taub gemacht knien sie hinter Stacheldraht, unfähig zu jedweder Kontaktaufnahme. Gewiss sind diese Leute keine Chorknaben, die etwas über die Stränge geschlagen haben, aber diese Bilder tragen eine unsichtbare Überschrift: RACHE. Diese Männer haben nicht den Status von Kriegsgefangenen, aber als was soll man sie sonst betrachten?
IN BERLIN gab es letzte Woche ein Wiedersehen mit den Jungs von der Band. Wir sprachen über eine mögliche Reunion des letzten EXTRABREIT-Line-Ups für einige Open Airs im Sommer. Der gute alte STEVE, der jetzt bei der TERRORGRUPPE die Knüppel schwingt, ist inzwischen erblondet, hat sich aber ansonsten kaum verändert. Ein charmanter, leicht eigenbrötlerischer Junge. Inzwischen ist er ziemlich schwerhörig, aber was das betrifft, sind einige von uns Marshall-geschädigt. KLEINKRIEG lebt Tinnitus-bedingt “ein Leben mit Pfiff”, sozusagen mit einer ewigen Ilse Werner im Ohr und ich bin immer wieder überrascht, dass viele Leute Fernsehsendungen ohne Ton verfolgen können.
TOM war mit seiner kleinen Tochter da und mit seinem Gangster-Habitus auch ganz der alte. Sein erster Blick ging zu meiner Uhr und der zweite prüfte den Anzugstoff. Später tauchte noch mein alter Kumpel HARRY mit seinem Sohn ELVIS auf. Der alte Hasardeur hat sich offenbar gut von seinem Höllenritt mit MR BROWNSTONE erholt und sieht langsam wieder Land. Obwohl es ganz nett war, den Geruch des alten Turfs mal wieder in der Nase zu haben, kann ich nicht sagen, dass es mich zurück zieht.